Verschiedene Berichte über unsere Aktivitäten seit 2007:

Im Auftakt, Heft 3/2020
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):


Durch bewusste Bewegung zu wirklichkeitsgemässem Denken
Elemente aus dem Unterricht mit aktuellem Zeitbezug

 


Jedes  Zusammenkommen beginnt bei uns damit, dass wir im Kreis stehen und uns strecken. Unser Vorbild sind dabei die Katzen, Meister im Durchstrecken und stets elegant in der Bewegung. Danach erinnern wir uns: “In meiner Essenz bin ich Licht, Liebe und guter Wille” und durchdringen dann bewusst die Materie unseres Leibes mit dieser Essenz. Ich beginne mit dem rechten Fuss und durchdringe von unten nach oben sämtliche Glieder und inneren Organe, bis das ganze Instrument durch meine bewusste Anwesenheit leuchtet. Das kann dazu beitragen, dass ich mich selbst nicht mehr mit meinem irdischen Leib verwechsle. Durch die regelmässige Wiederholung kann das Durchdenken und Durchempfinden dieser Tatsache schliesslich zum Lebensgefühl werden.

In der Nacht war ich ja draussen in den Sphären, in der Sternenwelt mit meinem Sternenleib (Astralleib,  astrum – Stern), vorläufig noch ohne Bewusstsein, und jetzt komme ich zurück und durchdringe liebevoll diese Kostbarkeit, meinen lebendigen, irdischen Leib. Sodann gehen wir im Raum und atmen gut durch, fühlen wie die Welt mich durchdringt, wenn ich einatme und wie ich die Welt durchdringe, wenn ich ausatme und erleben, wie dieser Austausch Leben ist. Das heisst, ohne diesen regelmässigen Austausch, Mensch und Welt, kann ich hier auf der Erde nicht leben, nicht anwesend sein.

Schliesslich kommt der Zeitpunkt (im ersten Jahr), an dem wir unseren physischen Leib untersuchen. Jeder nimmt einen Stein so gross wie eine Orange. Im Kreis stehend ist jeder dazu eingeladen, den Stein zu erleben, als ob es das erste Mal wäre. Welche Eigenschaften hat dieses Wesen? Was erlebe ich von ihm durch meine Hand? Danach spielen wir Stein. Jeder legt seinen ins Zentrum des Kreises und zurück im Umkreis, versuchen wir ihn so gut wie möglich nachzuahmen. Ich folge dem Gewicht, der Schwere, die zum Erdmittelpunkt strebt, immitiere die feste Form, ich werde zum Stein. Wie fühlt sich das an? Was erlebe ich in mir von diesem Wesen? Um dem Stein so nahe wie möglich zu kommen, höre ich auf zu atmen und stelle mir vor, dass die Bewegung meiner Säfte still steht und erlebe, so lange das möglich ist: wie fühlt sich das an? Wie wäre mein Leben, wenn es nur so wäre wie ein Stein?

Danach verbinde ich mich mit der Kraft, die ich in mir habe, mit der Kraft, die der Stein nicht hat und löse mich aus der festen Form und bewege mich gegen die Schwere, was der Stein nicht kann und richte mich auf. Wie fühlt sich das an, aufrecht zu stehen, Mensch sein im Vergleich mit “Stein sein”? Ich gehe durch den Raum und erlebe den Unterschied zwischen Bewegung und fester, unbeweglicher Form. Wie empfinde ich das? Dann wiederhole ich das “Stein sein” – denn “einmal ist keinmal”. Durch die Wiederholung kann ich vergleichen: was erlebe ich jetzt?

Die nächste Untersuchung ist dann: wieder sich der Schwere hingeben, aber diesmal ohne die feste Form nachzuahmen und mit der Erlaubnis zu atmen. Wie fühlt sich das an? Wie wäre mein Leben, wenn es nur so wäre, in der Horizontalen, immer? Danach verbinde ich mich mit der Kraft, die ich in mir habe, die der Stein nicht hat, und bewege mich gegen die Schwere bis ich wieder aufrecht bin und erlebe: wie fühlt sich das an, die Vertikale im Vergleich zur Horizontalen, was erlebe ich da?

 

In dieser Weise kommen noch einige stumme Untersuchungen dazu, bis wir uns im Kreis auf den Boden setzen und uns über jedes der Erlebnisse austauschen. Wer will kann mitteilen, was er erlebt hat. Dabei wird erst einmal deutlich: mag ich das oder mag ich das nicht? Wenn ich diese Frage stelle, erlebe ich mich im Verhältnis zum Stein. Das ist mein gutes Recht, die subjektive Ebene, meine persönlichen Vorlieben. Anders ist es, wenn ich frage: wie ist der Stein? Was sagt er mir über sich durch mich, das heisst, wenn ich so tue als ob ich einer wäre? Da kann ich, wenn ich will, positive und negative Eigenschaften beobachten, je nach dem Zusammenhang, das heisst der Stein im Bezug zur Umwelt, zur jeweiligen Situation, zu der ich dann auch gehöre. Da geht es in der Betrachtung Richtung Objektivität. Diese beiden Möglichkeiten, subjektiv – objektiv, existieren also, zwei verschiedene Welten, die seelische und die geistige. (1)

Nach einer Woche Pause wiederholen wir diese Untersuchungsreihe um nachzuprüfen, ob es dieses Mal wieder so ist wie damals, oder ob heute eine neue Eigenschaft sich offenbart. Dann wird jeder eingeladen sich auf den Rücken zu legen mit den Füssen zum Kreiszentrum. Die Arme an den Körper gelegt stelle ich mir vor, dass ich aufhöre zu atmen. Dadurch kommt auch der Fluss der Säfte in meinem Leib zum Stillstand, die Wärme kühlt ab, der Leib wird steif und schwer. Da merke ich, dass dieser Leib in einem Sarg liegt, der Deckel wird geschlossen, der Sarg in ein Grab hinabgesenkt und Erde darübergeworfen. Da beobachte ich, wie langsam die Starre sich löst und jedes Teilchen, welches diese Form erfüllte, jetzt seinen eigenen Weg geht, der Schwere folgend, wie der Stein dem Zentrum der Erde entgegen. Das Fleisch und die Organe lösen sich dadurch langsam auf, der Körper tritt in den Zustand der “Ent-Komposition” – so sagt man auf portugiesisch: decomposição –, am Ende sind da nur noch Knochen, Zähne, Haut und Haare, bis auch da jede Partikel ihren eigenen Weg gegangen ist und der ganze Leib wurde zu – Staub. Das erlebe ich im Dunkeln in der Stille.

Und nun stelle ich mir vor, es kommt eine Kraft und ruft alle Teilchen zurück und sie kommen auch, folgen dem Aufruf und der Leib entsteht von neuem, die Form wird wieder physisch sichtbar, weil sie ausgefüllt wird mit Material, bis alles wieder da ist. Die Erde wird entfernt, der Sarg wird gehoben, geöffnet und ich atme wieder, komme zurück in mein Erdenhaus. Die Säfte fliessen wieder, die Wärme kommt zurück, ich strecke mich und stehe auf. Ich gehe im Raum und vergleiche: wie fühlt sich das an, Mensch sein im Vergleich zu “Leichnam sein”? Was beobachte ich da? – Wir setzen uns im Kreis auf den Boden und tauschen uns aus. Was hat jeder erlebt? Wie habe ich mich gefühlt? Und dann: was sagt mir das Phänomen? Dabei haben wir herausgefunden: es ist nur eine Vorstellung. Nie werde ich das erleben können, was wir jetzt gespielt haben. Denn wenn mein Leib eines Tages zum Leichnam wird, bin ich nicht mehr drinnen. Und sobald ich drinnen bin, ist er eben nicht mehr ein Leichnam. Das heisst, von den vier Leibern, die der Mensch hat, ist der reine physische Leib derjenige, den ich nie alleine erleben kann. Ich kann ihn nur in Verbindung mit den anderen drei erleben. Aber was erlebe ich denn da? – Und ausserdem: haben wir nicht in der Staatsschule gelernt, dass alles physischer Leib ist, nur “ein bisschen komplizierter”, wenn es lebt? (2) Beginnt denn nicht das Medizinstudium auch heute noch mit dem Sezieren von Leichen?

Im September 1975 ist ein Mensch beim Telefonieren vom Blitz erschlagen worden: Dannion Brinkley. (In seinem Buch, Zurück ins Leben, schildert er sein Erlebnis). Von diesem Moment an war er abwechselnd in seinem Leib und ausserhalb. Wenn er ausserhalb war, beobachtete er ihn von aussen, vollkommen schmerzfrei, sobald er wieder drinnen war, waren die Schmerzen unerträglich. Schliesslich gelangt er in die seelische Welt und geht dort durch das Rückwärtserleben seiner Inkarnation und fühlt dabei die Gefühle seiner Mitmenschen und auch der Tiere mit denen er in Kontakt gekommen war. Er war kein guter Mensch gewesen, beruflich ein Auftrags-Killer, ein Scharfschütze (er arbeitete für das US Militär und war gerade aus Mittelamerika zurückgekommen), dementsprechend war auch sein Erlebnis in der seelischen Welt. “Ich hatte den Schmerz der Reflexion verspürt, aber ich hatte hierdurch das Wissen gewonnen, das ich einsetzen konnte, um mein Leben zu korrigieren… Ich werde ein besseres Leben führen, weil ich jetzt das Geheimnis kenne… dann aber wurde mir klar… Ich war vom Blitz erschlagen. Ich war tot.”

Das Geheimnis des Lebens hatte er von einem Lichtwesen erfahren: “Menschen sind mächtige spirituelle Wesen, deren Auftrag es ist, das Gute auf der Erde zu schaffen. Dieses Gute entsteht in aller Regel nicht durch kühne Taten, sondern durch einzelne liebevolle Handlungen unter den Menschen. Die kleinen Dinge zählen, denn diese sind spontan und zeigen, wer man wirklich ist”. Von diesem Lichtwesen wurde er nun in eine andere Region begleitet, wo ihm dreizehn Visionen über die Zukunft der Erde gezeigt wurden, unsere heutige Gegenwart. In der zwölften Vision ging es um das Thema Technik und Viren und um die Möglichkeit die DNA des Menschen zu verändern. Die dreizehnte Vision zeigte den Krieg aller gegen alle. Da hörte er ein Wesen sagen: “…wenn du weiter so lebst, wie du die letzten dreissig Jahre gelebt hast, wird all dies mit Gewissheit über dich kommen. Wenn du dich änderst, kannst du den bevorstehenden Krieg vermeiden.” Er schildert weiter: “Irgendwie war klar, dass dieser letzte Krieg… durch Angst verursacht war”. Das Lichtwesen sagte: “Die Angst, die diese Menschen empfinden ist unnötig. Die Angst ist aber so gross, dass die Menschen alle Freiheiten um der Sicherheit willen aufgeben.”

Da bekam er den Auftrag auf der Erde ein Zentrum zu gründen, wo Menschen sich von ihrer Lebensangst, von ihrem Stress befreien können. Wo Menschen lernen können dem Guten zu vertrauen, ihrer Essenz zu folgen: “Zeige den Menschen, wie sie sich auf ihr spirituelles Selbst verlassen können statt auf die Regierung und die Kirche. Religion ist gut, doch darf sie die Menschen nicht vollständig kontrollieren. Menschen sind mächtige spirituelle Wesen. Sie brauchen nichts weiter zu wissen, als dass Liebe darin besteht, dass man andere ebenso behandelt, wie man selber behandelt werden möchte”.

In dieser Zeit, den Siebziger-Jahren, als ich in Österreich zur Schule ging, fuhren wir im Winter für eine Woche mit der Schulklasse in die Berge zum Schikurs. In der Mitte der Woche wurde vom fixen Telefon aus zu Hause angerufen, um mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist und wann der Bus am Samstag vorraussichtlich in der Schule ankommen wird. Das war damals ganz normal. Niemand kam auf die Idee, sein Kind müsste ein privates Telefon in der Tasche mit sich führen. Dabei kann doch einiges passieren, wenn Jugendliche sich in den Bergen rumtummeln… noch dazu bei Eis und Schnee! So viel selbstverständliches Vertrauen war damals noch da. Und trotzdem wurde in Dannions Erlebnis darauf hingewiesen, dass die Menschen schon damals zu viel unbegründete Angst fühlten. Wie würde das heute aussehen? – Ausserdem schädigt die immer höher werdende Frequenz der Funktürme den Lebensleib der Erde. Der Schmerz, welcher dadurch unzähligen Lebewesen bereitet wird – bin ich bereit dazu, ihn selber zu erleben, sobald ich nach dem Tod in die seelische Welt komme? Denn gäbe es nur wenige Konsumenten dieser Art von Technologie, wäre dieses Problem ganz schnell und schmerzfrei behoben. Und dadurch könnte eine ganz andere Art von Technologie entstehen, ohne negative Nebenwirkungen. Wer die Dimension dieser Angelegenheit durchschaut, wird relativ einfach für sich die entsprechende individuelle Dosierung finden. (3)

Als ich 2001 den Lebendigen Raum (Espaço Vivo) gründete, war Dannion’s Auftrag auch mein Impuls. Dieser Raum ist ein Ort, wo wir das Leben untersuchen, um zu erfahren, dass ich dem Guten vertrauen kann. Das ist aber nur möglich durch das Erlebnis der Wahrheit. Und die Wahrheit ist nur zugänglich durch die eigene Ent-deckung. Ich kann da nicht einfach glauben, was ein anderer mir sagt, ich muss es selbst rausfinden. (4) Im ersten Jahr untersuchen wir deshalb, so wie oben geschildert, die vier Leiber des Menschen als Ausgangspunkt und von da aus noch andere Elemente der Welt. Ich wage es nicht, die Menschen in das eigentliche Reich der Eurythmie zu führen, ohne ihnen vorher die Möglichkeit gegeben zu haben, deren Grundlage (Mensch und Welt) wenigstens ansatzweise individuell zu untersuchen. Denn die Erfahrung hat gezeigt: in das Reich der Eurythmie als Gläubiger einzutreten, ob in materialistischer oder spiritualistischer Färbung, führt nicht zur Gesundung des Menschen.(5)

Nun haben wir in Bezug auf den physischen Leib erlebt, dass nicht richtig war, was wir darüber in der Staatsschule gelernt haben. Und so etwas macht krank. Mit einer Unwahrheit im Leben herumzugehen ohne es zu merken, macht mit der Zeit krank. Deshalb meine ich ist diese Untersuchung heute so wichtig. Freilich hat nicht jeder den Mut dazu Leichnam zu spielen. Deshalb sage ich auch zuvor: “wenn du merkst, dass du da nicht mitwillst, kein Problem, setz’ dich an den Rand und schaue zu”.

Es war auch im Jahr 1975 als die grosse Welle der Nah-Todes-Erfahrungen losging. (6) In demselben Jahr verstarb mein Vater plötzlich; kurz danach war mein elfter Geburtstag. Durch dieses Ereignis kam die Anthroposophie in unsere Familie. Später las ich viele Bücher über Nah-Todes-Erfahrungen und verglich das da Gelesene mit den Schilderungen der modernen Geisteswissenschaft. Als ich kurz vor Pfingsten 1996 zu einer Tagung nach Stuttgart fuhr, dachte ich morgens bei mir: jetzt würde ich doch gerne einmal einen Menschen persönlich treffen, der gestorben und dann auf die Erde zurückgekommen ist. Am Abend traf ich bereits ein junges Mädchen mit dieser Erfahrung. Am nächsten Morgen einen Jüngling, neunzehn Jahre alt, ehemaliger Waldorfschüler, welcher drei Monate davor bei einem Frontalzusammenstoss in der Nacht seinen Kopf zerschmettert hatte und im Krankenhaus für tot erklärt worden war. Nach ca. zwanzig Minuten kam er jedoch wieder zurück und erzählte mir nun seine Erlebnisse. Er trug Sonnenbrillen, um die Menschen nicht zu erschrecken, denn sein Kopf war in der oberen Partie nach innen gewölbt statt nach aussen… Er strahlte vor Lebendigkeit und Humor! Er sagte zu mir: “Nicht einmal nach dem Tod wird man die Eurythmie los! Denn dort geschieht die Kommunikation durch Gesten und durch Wellen von Herz zu Herz.” (7)

Zur Zeit sind so viele Menschen dazu bereit künstlichen Verhaltensregeln zu folgen, nur weil sie Angst vor dem Tod haben.  Da frage ich mich: ist es heute zeitgemäss sich nicht untersuchend mit diesem Thema zu beschäftigen? Bereits in der vierten nachatlantischen Kulturepoche stand die Frage nach dem Tod auf der Tagesordnung. Und wir haben die grösste nur denkbare Hilfe zur Lösung dieses Rätsels bereits erhalten. Heute steht eine andere Frage an. Ist diese, die aktuelle Frage, überhaupt zu lösen ohne die individuelle Lösung der vorherigen?

Daran anschliessend stellt sich mir die Frage: wäre es möglich so eine Untersuchung, “Leichnam spielen”, mit Schülern zu machen, in der Absicht sie auf das reale Leben vorzubereiten? – Da erinnere ich mich an einen meiner Schüler (in den Neunziger-Jahren in Bremen), er wählte für sein Betriebspraktikum ein Bestattungsinstitut und hat dort an allem teilgenommen, auch am Waschen und Einkleiden der Leichname. Davon erzählte er in bewundernswerter, objektiver Haltung bei der Präsentation seiner Arbeit. – Ob eine solche Untersuchung des Lebens durch die bewusste Konfrontation mit dem Tod, in einer Schulklasse möglich ist, hängt natürlich von der individuellen Beziehung zwischen Schülern und Lehrer ab.

Durch das vorgestellte Erlebnis der “De-Komposition” (auf deutsch Ver-Wesung) kann ein konkretes Verständnis der Situation entstehen, die wir gerade in globalem Umfang erleben. Eine bestimmte Art des Denkens ist immer mehr zum Lebensstil geworden. Rudolf Steiner beschreibt sie so: Es gibt eben zwei Arten, sich Gedanken zu bilden. Die eine Art ist die zergliedernde, die unterscheidende, die gerade in der Naturwissenschaft heute eine so grosse Rolle spielt, wo man unterscheidet, sorgfältig unterscheidet… Diese Denkweise ist eine Art Maske, der sich insbesondere gern bedienen die Geister, die heute uns zerreissen möchten… Von dieser Denkweise, zu der Zugang haben die verschiedenen, den Menschen auseinanderreissenden Mächte, muss man klar unterscheiden die andere, die in der Geisteswissenschaft allein angewendet wird. Sie ist eine ganz andere Vorstellungsart, eine ganz andere Denkweise. Sie ist, im Gegensatz zu der zergliedernden, eine gestaltende Denkweise… (8).

Bevor auch bei uns die globale Pandemie verordnet wurde (Ende März 2020), hatte ich die Gewohnheit einmal in der Woche in einem Bio-Restaurant zu essen; wegen der Abwechslung und aus sozialen Gründen: um Menschen zu treffen. Doch dies war mit der Zeit immer weniger möglich. Es sah so aus, als ob ich der einzige Mensch wäre, der sich dafür interessierte. Der Grossteil der Restaurantbesucher war direkt ans Internet angekoppelt und nur selten in der Lage dazu, während des Essens seinen Blick vom Bildschirm (smartphone) abzuwenden. (Ist das Freiheit?) Ich hatte nicht den Eindruck, dass noch ein Bedürfniss nach einem Restaurant bestand… Als dann alles geschlossen wurde, war das ja nur eine folgerichtige Konsequenz von dem, was eh schon da war: jeder für sich und alles driftet auseinander – die Qualität der “De-Komposition” im Sozialen.

Nach dem Tod gibt es keinen Tod, aber, laut Rudolf Steiner kann es Einsamkeit geben. Für einige Jahrhunderte allein zu sein ist, nach seiner Beschreibung, nicht besonders angenehm… ist gewiss nicht wünschenswert! Nun wurde die Einzelhaft schon im Diesseits global verordnet. Doch dieser Befehl hat auch nur da gegriffen, wo ein passives Hineindriften in die Isolierung bereits deutlich sichtbar vorhanden war – fast überall (9) – die Konsequenz des zergliedernden Denkens. Rudolf Steiner nennt es auch die Logik der Hyäne – sie geht auf das Tote – und bringt diesen Bereich in Zusammenhang mit der Fledermaus. (10) Damit ist die neue Generation jetzt in eine Kaspar Hauser ähnliche Lage geraten…. (11) Bleibt die Frage: und was wird geschehen, wenn ein paar mehr Menschen beginnen auf neue Weise zu denken, gestaltend? (Andere Denkweise – andere Technologie). Wie wird da das menschliche Zusammenleben werden?

Sich Zeit nehmen zum eigenständigen Untersuchen sämtlicher Phänomene des Lebens, auch der binären Technologie (12), scheint mir heute eine immer dringendere Forderung an jeden einzelnen Menschen zu sein. Und da kann die bewusste Bewegung in Verbindung mit klarem Denken wunderbare Dienste leisten. Denn, in den Worten Heinz Buddemeiers: Die Gefangenschaft Kaspar Hausers ging schliesslich zu Ende… Die Gefangenschaft in der Medienwelt ist heute für die meisten Menschen eine lebenslängliche. Aber es gibt keinen Kerkermeister. Wir können uns befreien! (13)    

Margrethe Skou Larsen
espaco.vivo@euritmiaviva.com


Ich habe bei meinem Text das generische Maskulin verwendet, weil auf der Ich-ebene sind wir alle männlich-weiblich.

 

  1. Rudolf Steiner: Theosophie, Das Wesen des Menschen

  2. Rudolf Steiner in Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft: Man stellte sich etwa vor, dass in einer Pflanze, in dem Tier, im Menschenleibe eine solche Kraft wirke und die Lebenserscheinungen hervorbringe, wie die magnetische Kraft in dem Magneten die Anziehung bewirkt. In der nachfolgenden Zeit des Materialismus ist eine solche Vorstellung beseitigt worden. Man sagte da, ein lebendiges Wesen baue sich in derselben Art auf wie ein sogenanntes lebloses; es herrschen im Organismus keine anderen Kräfte als im Mineral; sie wirken nur komplizierter; sie bauen ein zusammengesetzteres Gebilde auf. Gegenwärtig (1907) halten nur noch die starrsten Materialisten an dieser Ableugnung der “Lebenskraft” fest. – In der österreichischen Staatsschul-Praxis war man siebzig Jahre später leider wieder bei diesem starren Materialismus gelandet… Wieso eigentlich?

  3. Siehe: Paul Emberson, Von Gondishapur bis Silicon Valley I & II und Maschinen und der Menschengeist. Letzteres Buch erläutert die andere Art von Technologie.

  4. Rudolf Steiner in Die Philosophie der Freiheit, zweiter Anhang: Eine Wahrheit, die uns von aussen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit an sich. Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.

  5. Was wir alles untersuchen, kann in dem Prospekt auf deutsch gelesen werden auf www.euritmiaviva.com

  6. Siehe: www.nderf.org  

  7. Rudolf Steiner in Dornach, 13. Juni 1923: Die geistigen Wesen sprechen nicht in Worten aber machen Gesten, sehr komplizierte Gesten…  – ins Deutsche zurückübersetzt, zitiert aus Guardian Angels, Selected Lectures by Rudolf Steiner, S.13

  8. GA 187, S.176 f, Zitat aus Florin Lowndes, Das Erwecken des Herzdenkens, S.19

  9. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, zweiter Anhang, im siebten Absatz: Ich weiss, wie viel individualitätsloses Schablonentum lebt und sich breit macht. Aber ich weiss ebenso gut, dass viele meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen.

  10. Rudolf Steiner, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, erster und fünfter Vortrag, Dornach 1923.

  11. Heinz Buddemeier, Illusion und Manipulation, Die Wirkung von Film und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft, Urachhaus 1987, Seite 264: Wie für Kaspar Hauser die Gefangenschaft, so beginnt heute für die meisten Menschen mit zwei oder drei Jahren das Leben in der Medienwelt. Dabei entsteht ein ähnlicher Schwebezustand wie der, der Kaspar Hauser aufgezwungen wurde. Wenn wir schlafen, verlieren wir das Bewusstsein. Dabei schliessen sich die Tore der Sinne. Wir sind von allen Eindrücken der äusseren Welt abgeschnitten. Morgens erwachen wir an den Sinneseindrücken. Sogleich treten auch Bewusstsein und Denken auf, um diese Eindrücke zu ordnen und zu beurteilen.
          Film und Fernsehen bewirken eine Vermischung dieser Zustände. Bewusstsein und Denken treten zurück wie im Schlaf. Zugleich sind Augen und Ohren weit geöffnet wie am Tage. Etwas ganz widernatürliches wird erreicht: wir sind passiv und willenlos und zugleich gegenüber der Sinnenwelt weit geöffnet. Und woraus besteht diese Sinnenwelt? Sie besteht aus maschinell erzeugten Bildern. Tatsächlich werden wir im Zustand zwischen Wachen und Schlafen von Maschinen traktiert und dabei in eine künstliche Welt gerissen, die eine Verkehrung unserer Lebenswirklichkeit darstellt. 

  12. Dabei können die Bücher von Heinz Buddemeier sehr hilfreich sein. Besonders in dem Buch Medien und Gewalt – Wie und warum wirken Gewaltdarstellungen? (2006 MENON Verlag), wird die lähmende Wirkung des Bildschirmes auf das menschliche Auge erläutert, und wie dadurch das Unterbewusstsein für fremde Manipulation zugänglich wird – ein Schlüssel zur realistischen Einschätzung der aktuellen Situation. Denn der Bildschirm ist gerade auf Eroberungszug um die Welt.

  13. Siehe Fussnote (11), ebenda auf Seite 265.

 

 

 

Im Auftakt, Heft 1/2019
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):

Lebenshilfe und Lebenskunst in apokalyptischer Zeit
Bericht aus der laufenden Arbeit
Espaço Vivo, Südbrasilien

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Auftakt, Heft 3/2016
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):


In Zeiten des massiven Angriffs auf die Lebenskräfte,
ist es da noch möglich in der Grossstadt menschengemäss,
das heisst: aus dem Ich heraus, zu leben?

Wieder einmal war ich mit dem Flugzeug unterwegs, von Porto Alegre nach Salzburg (via Lissabon und München), zurück in die alte Welt, in das reiche Europa. So eine Reise kann ein gutes Mittel sein, Einblick in den aktuellen Stand der Dinge zu bekommen. Denn die unterschiedlichsten Menschen aus der ganzen Welt bewegen sich durch einen Flughafen, sodass für offene Augen ein eindrucksvolles Bild entstehen kann über den mainstream lifestyle, über das, was gerade “in” ist.

Was ich dabei gesehen habe: die grosse Mehrheit sagt zur Fremdbestimmung – “ja, das möchten wir!”; und hat sich dieser bereits fast völlig hingegeben. Der unbewusste Umgang mit der binären Technologie* macht dies sichtbar. Wir leben in der Zeit der Offenbarung – die Tatsachen liegen offen da, vor aller Augen.

Diese Hingabe an die kontinuierliche Selbstauflösung ist für mich auch leicht verständlich, denn nichts ist einfacher als das: nur nachgeben, tun was alle tun, in innerer Passivität verharren, bloss nicht auffallen und um keinen Preis dieser Welt zu sich selber aufwachen! Jedes Mittel zur Ablenkung der Aufmerksamkeit, zur Dämpfung des Bewusstseins ist dabei willkommen, und entsprechend diesem kollektiven Wunsch wächst auch das Angebot in dieser Richtung ständig. Sehr schmerzhaft erlebe ich dabei die konstante Beschallung, weil sie besonders rücksichtslos in mein Inneres eindringt mit der offensichtlichen Absicht: die innere Stimme darf auf keinen Fall gehört werden. Ein Flughafen – Konsumparadies oder Konsumhölle (je nach Sichtweise) – ein kleiner Einblick in die aktuelle Zeitlage.

Im Auftakt 2/15 habe ich über unsere Arbeit zum Erlebnis des Jahreszeitenrhythmus berichtet (Mitteilungen aus der Südhemisphäre); dabei kam der Satz vor: “der Park strotzt nur so von Ätherkräften!” – Leider ist dies schon nicht mehr der Fall… Denn irgendjemand in der Stadtverwaltung ist Anfang 2016 auf die Idee gekommen alle öffentlichen Parkanlagen von Porto Alegre (ca. 1,6 Mio Einwohner) mit Flutlicht zu beleuchten wie ein Fussballfeld, und zwar die ganze Nacht durchgehend bis zum Sonnenaufgang. Diese völlig absurde Tatsache schnürte mir schon das Herz zu, denn der natürliche Rhythmus zwischen Tag und Nacht, die Grundlage alles Lebens auf der Erde, wurde dadurch für Pflanzen und Tiere der Parkanlagen abgeschafft. Ich habe auch an entsprechender Stelle nachfragen lassen und die Antwort war: “die Tiere gewöhnen sich daran.” Das heisst, der Lebensstil in der Grossstadt wird mehr und mehr linear, in anderen Worten: auf der physischen Ebene eingekerkert. Und jetzt nicht mehr nur durch die Willensschwäche des Grossteils ihrer Bewohner, nun wird die Linearität auch aktiv von der Stadtverwaltung verordnet. Schlafentzug ist eine furchtbare Foltermethode. Nun wird dieser der in der Stadt noch verbleibenden Natur per Gesetz verordnet…

Dies allein ist schon schlimm genug. Doch nun kommt noch die Art der Beleuchtung hinzu: die sogenannten “Energiesparlampen” (=Kompaktleuchtstofflampen) werden dazu eingesetzt und nun mitgeteilt, dass dies besonders kostengünstig sei und auch die ganze Nacht hindurch sein müsse zur Eindämmung der steigenden Kriminalität. Wenn ich nun, mit eurythmisch verfeinerter Wahrnehmungsfähigkeit, durch so eine künstlich beleuchtete Nacht-Stimmung hindurchgehe erlebe ich das genaue Gegenteil : die so erzeugte Atmosphäre ist schauerlich, angsterzeugend durch die kalte Beleuchtung und allein dadurch schon Kriminalität fördernd.

Nun ist in Österreich das neue Buch: KUNSTLICHT UND MOBILFUNK von Edwin Hübner und Jens-Hagen-Karow ,in meine Hände gelangt und ich las die erste Hälfte, über das Kunstlicht, auf meiner Rückreise im Flugzeug. Was ich durch meine eigene Sensibilität und Aufmerksamkeit bereits erlebt habe, wird in diesem Buch bestätigt und in Zeichnungen anschaulich dargestellt: durch diese Art der Beleuchtung werden die Lebenskräfte massiv angegriffen und eine Atmosphäre wird geschaffen, welche die Anwesenheit negativer Wesenheiten begünstigt und die der positiven Mächte erschwert. Gerade wird diese Art der Beleuchtung auch allgemein auf unseren Strassen eingeführt. Als ich kürzlich vom Espaço Vivo abends nach Hause ging, war die Stimmung, gelinde gesagt, gruselig. Und als ich zu Hause ankam fühlte ich mich völlig ausgelaugt. Eine halbe Stunde Stille war nötig um fortsetzen zu können, was an diesem Abend noch zu tun war.

Dies ist die eine Hälfte des immer massiver werdenden Angriffs auf die Lebenskräfte; die andere kommt durch den Mobilfunk. Um den Espaço Vivo herum schiessen gerade die verglasten Hochhäuser wie die Pilze aus dem Boden und natürlich auch die Mobilfunktürme. Ungefähr ein Jahrzehnt lang hatten wir bei uns (als der einzigen Grossstadt in Brasilien) ein gutes Gesetz zur Begrenzung der Mobilfunktürme, durch eine aufgeweckte Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Doch es liess sich leider nicht halten. Zu viel Geld wird mit dem Verkauf von Smartphones etc. verdient… Auch ein Info-Tag der Stadtverwaltung über Nebenwirkungen des Mobilfunks konnte dies nicht verhindern. Zwei Ärztinnen zeigten ihre ernüchternden Forschungsergebnisse (mit Ordnern voller Todesattestate). Am Ende der Veranstaltung bemerkte ein Wissenschaftler, Dr. Dr. in Komunikationstechnologie an unserer hiesigen staatlichen Universität: die Mentalität der Menschen habe sich dramatisch verändert in den letzten Jahren. Wissenschaftliche Forschungsresultate beeindrucken nicht mehr, werden einfach ignoriert. Er meinte auch, dass zur Zeit das Geld in die falsche Richtung fliesst, nicht dahin, wo qualitativ gute Kommunikationstechnologie entstehen könnte. Die Konsumenten sind dafür verantwortlich; sie kaufen zur Zeit die falschen Produkte.

In diesem Zusammenhang sehe ich die Möglichkeit aufzuwachen und bewusst Stellung zu nehmen nur durch Einsicht in das Karmagesetz. Die Folgen einer passiven Schädigung durch binäre Technologie* für das persönliche Karma werden gewiss andere sein, als wenn ich aktiv, durch mein Konsumverhalten, zur Enstehung dieser Schädigung beitrage.

So kommt mir die Frage: ist es heute noch möglich in einer Grossstadt menschengemäss, das heisst aus dem Ich heraus, zu leben? Wenn ja, wie? Auf welche Weise kann das Erlebnis von Eurythmie & Anthroposophie zur Ich-Geburt beitragen? In diesem Sinne sind uns ja beide als zeitgemässe Medizin im richtigen Moment gegeben worden. Kann ich durch innere Aktivität geschützt werden? Kann mich das innere Licht vor dem Einfall der Finsternis schützen?

Dabei erinnere ich mich an eine Aussage Rudolf Steiners (sinngemäss): Das Denken (Intelligenz, gesunder Menschenverstand) wird auf natürliche Weise der Menschheit immer weniger zur Verfügung stehen und nur noch durch das bewusste Studium der Geisteswissenschaft aktiv ausgebildet werden können. – Ist es möglich Geisteswissenschaft so zu studieren, dass sie nicht im mentalen Bereich steckenbleibt (als Theorie oder Methode), sondern durch den ganzen Menschen bewusst erlebt wird so, dass sie zum Lebensstil, zur Lebenskunst werden kann? Anders ausgedrückt: wie komme ich von der Verstandesseele zur Bewusstseinsseele?

Dahin geht seit fünfzehn Jahren meine Aufmerksamkeit bei unseren Aktivitäten im Espaço Vivo (= Lebendiger Raum). Aufbauend auf der brasilianischen Mentalität – Menschen, die sich gerne bewegen, beim Sprechen von Natur aus viel gestikulieren, entdeckungsfreudig sind und sich gerne in der Gruppe austauschen – haben wir in dieser Richtung einen Weg gefunden. Ende 2015 habe ich diesen zum ersten Mal für einen Prospekt auf deutsch formuliert (der andersartigen Mentalität entsprechend). Er kann, bei Interesse, auf virtuell betrachtet werden.

Könnte diese Vorgehensweise auch etwas für Menschen mit andersartiger Mentalität sein? Dieser Frage folgend habe ich, im August 2016 zum zweiten Mal, das dritte Modul in Salzburg als Ferienkurs angeboten für alle die, welche diesen Weg an sich selbst erleben wollen. Wie wirkt auf mich die Verbindung bewusste Bewegung & bewegtes Bewusstsein? Dieses Jahr stand uns für unsere Erlebniswoche der Raum der Menschenweihehandlung in der Salzburger Christengemeinschaft zur Verfügung. Das war ganz besonders! Denn der Raum, in dem menschliche Begegnungen im Hinblick auf das Göttliche stattfinden, ist dafür Grund-legend. Für diese neue Möglichkeit bin ich sehr dankbar.

Nun habe ich vor denselben Kurs in der ersten Januarwoche 2017 an demselben Ort wieder anzubieten, sodass zur Besonderheit des Raumes auch die Besonderheit des Zeitpunktes dazukommt: ein Kurs in sieben Tagen für maximal zwölf Teilnehmer. Menschen aller Berufsrichtungen und Tätigkeitsfelder sind willkommen, auch Eurythmisten und besonders Eurythmiestudenten. Eine günstige Unterkunft kann bei Frühanmeldung für vier bis maximal fünf Studenten bereitgehalten werden. 

*siehe die Bücher von Paul Emberson
- Maschinen und der Menschengeist
- Von Gondhishapur bis Silicon Valley 1 & 2

Der besseren Schreibweise wegen habe ich dieses Mal das generische Maskulin benutzt, bei dem wir Frauen natürlich auch gemeint sind.
 

 

 

 

Im Auftakt, Heft 1/2015
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):



 

Eurythmie als soziales Ferment
Zur Beziehung mit der inneren Quelle

 

 

Mit diesem Bericht wende ich mich vertrauensvoll an Euch liebe Mit-Eurythmisten. Ich folge damit einem inneren Aufruf. Ich möchte uns alle daran erinnern, welch’ wunderbare Möglichkeit wir in der Hand haben in der Verbindung Eurythmie – Anthroposophie.

Wenn ein Künstler ein Werk schafft und dieses danach betrachtet merkt er erst, was er geschaffen hat, entdeckt darin Elemente, die auch ihm neu sind, obwohl er es doch selber war, der es hervorgebracht hat… - Vor Jahren las ich diese Bemerkung (sinngemäss) bei Rudolf Steiner.

Jetzt bin ich in einem Alter (50), wo ich schon ein wenig zurückschauen kann auf das, was ich bisher auf der Erde getan habe. 25 Jahre davon habe ich dem Eurythmie-Unterrichten gewidmet. Langsam wird mir nun deutlich, wohin mein Lebensimpuls deutet. Davon will ich hier erzählen.

Bei Carina Schmid in Hamburg ausgebildet, begann ich gleich nach dem Diplom (1989) in Bremen an der Freien Waldorfschule als Eurythmielehrerin zu arbeiten. In einer Donnerstags-Konferenz in den 90er Jahren hatte plötzlich ein Klassenlehrer einen vehementen Ausbruch mit den Worten: “Ich habe keine Kraft mehr! Die Anforderungen der Arbeit mit den sich auflösenden Familien werden immer grösser, die Erziehung verlangt mehr und mehr nach Therapie. Wo ist die Quelle aus der ich Kraft schöpfen kann? Wie nehme ich Kontakt auf mit der inneren Quelle?!!” Diese Worte waren aufrichtig in ihrer inneren Verzweiflung und haben mich damals zutiefst erschüttert. Ich ging nach Hause und fragte mich: könnte die Eurythmie da helfen? Wäre es möglich die Anthroposophie durch Bewegung dem Menschen zugänglich zu machen? So, dass er sie in sich erleben kann?

Bis dahin hatte ich nur den Gegensatz erlebt zwischen “Eurythmie machen” und “Steiner Bücher lesen”. Beides lief meistens getrennt nebeneinander her. Und mir fiel auf, dass es möglich war Eurythmie zu machen und gleichzeitig weiterhin nur intellektuell zu denken, das heisst gestützt auf das Nervensystem, und Steiner Bücher zu lesen, d.h. anthroposophische Inhalte aufzunehmen ohne sie innerlich zu erleben... Beides mutete mich fremd an, denn ich bin unter Musikern aufgewachsen. So kam, durch die verzweifelte Konfession meines Kollegen, die Frage in mir auf: gibt es vielleicht eine Brücke zwischen Bewegung und Bewusstsein? – Ich will sie suchen!

Da wurde ich erst einmal schwer krank. Und zwar trat bei mir massive Anämie auf, d.h. mein innerer Zustand manifestierte sich durch die Krankheit der Abwesenheit michaelischer Kräfte. Ich hatte vier Jahre lang versucht aus subjektiver, persönlicher Kraft den Herausforderungen des Eurythmielehrer-Berufes nachzukommen. Denn, wie der erwähnte Kollege, wusste ich damals auch nicht wie Kontakt aufnehmen mit der inneren Quelle, mit der michaelischen Kraft. In anderen Worten: Ich hatte in meiner Ausbildung einen grossen Korb voller Fische bekommen; doch niemand hatte mich gelehrt wie man selber fischen kann… Oder vielleicht doch? Ich hatte es jedenfalls nicht begriffen. Und diese Tatsache führte schliesslich zur völligen Verausgabung meiner Kräfte (burn-out 1993).

Zehn Monate lang war ich krankgeschrieben. In dieser Zeit beeindruckte mich ein Ausspruch von Rudolf Steiner: “Jede Tat, die aus innerem Ungleichgewicht getan wird, ist für die Welt nutzlos.”

Das bewegte mich zutiefst, denn mein Ansatz war immer gewesen: die Sorge um die Welt. Was kann ich tun, um zu helfen? Wie kann ich dienen? – Zuerst wollte ich alles hinschmeissen und es dauerte eine Zeit bis mir klar wurde, dass es nicht darum gehen kann perfekt zu sein. Es geht darum die rechten Prioritäten zu setzen, zu wissen, was an erster Stelle kommt. Und das, wurde mir klar, ist die Suche nach dem inneren Gleichgewicht, nach der Hamonie zwischen Denken, Fühlen und Wollen. Ich musste mir damals eingestehen, dass ich sehr weit von dieser Harmonie entfernt war, und das als aktive Eurythmistin! Ich lebte als gestresster Zeitgenosse ganz normal, wie jeder andere auch… Die Eurythmie war damals noch nicht zu meinem Lebensstil geworden.

1908 in Hamburg sprach Rudolf Steiner über das Johannes Evangelium und in diesem Zusammenhang gab er einen Hinweis, wie ein fruchtbarer Umgang mit der Philosophie der Freiheit aussehen könnte; am 31.Mai, siehe unten.* Und zwar wäre es möglich sich diesem Werk gegenüber so zu verhalten, wie ein Pianist gegenüber einer Sonate. Das heisst: das Werk zum Klingen bringen. Nicht darüber reden oder diskutieren, sondern die Gedanken, so wie sie da sind, wiedergeben. Wenn jemand das täte, dann würde das Buch an ihm arbeiten, denn es ist ein lebendiger Organismus.

Zu Pfingsten 1996 war ich schliesslich soweit meinen inneren Widerständen so begegnen zu können, dass die tägliche Arbeit mit der Philosophie der Freiheit beginnen konnte. Das war in dem letzten Jahr an dem ich in der Bremer Waldorfschule in der Mittel- und Oberstufe unterrichtete. Die Wirkung dieser inneren Tätigkeit war umwerfend. Zuerst erlebte ich im Umgang mit meinen Schülern, was ich später bei Rudolf Steiner darüber las; im Pädagogischen Jugendkurs, 12. Oktober 1923, siehe unten.** Heute steht für dieses Zum-Erklingen-Bringen die Philosophie der Freiheit in der schönen Ausgabe als Gedanken-Partitur zur Verfügung. Siehe: www.heartthink.com

Dem ging ich dann weiter nach. Zuerst in New York ein Jahr lang, bei Mark Riccio, der damals seine Doktorarbeit zu diesem Thema an der Columbia University schrieb. Dann lud mich Carina Schmid ein in Hamburg an der Eurythmieschule eine Epoche darüber zu geben: Einführung in das Herzdenken anhand der Philosophie der Freiheit (Herbst 1998). Nach einem weiteren Aufenthalt in den USA, kam ich dann schliesslich im Dezember 1999 nach Porto Alegre zurück, meiner Geburtsstadt.

Hier fragte ich mich: wie kann ich den Menschen mit der Eurythmie dienen? Was brauchen sie? – Auf dem amerikanischen Kontinent ist das Leben dynamisch. Jedoch, wenn diese Energie nicht von innen her geführt werden kann, äussert sie sich hektisch, als Stress, als Lebensunruhe. Und so kann der Mensch (reich oder arm, alle sind davon betroffen) das Leben nicht richtig nutzen, kann nicht wirklich an den ihm entgegenkommenden Herausforderungen wachsen. So gründete ich Ostern 2001 den Espaço Vivo (Lebendiger Raum) als “Fitness-Studio” für Leib, Seele und Geist, zur Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen. Für den modernen Menschen, welcher von Natur aus mehr und mehr auseinanderfällt und nur durch die regelmässige Stärkung seiner Ich-Kräfte als gesunder, tatkräftiger Mensch in Erscheinung treten kann.

Nun hatte ich Gelegenheit interessierten Menschen den Zugang zur eigenen schöpferischen Quelle zu ermöglichen, durch die Verbindung bewusstes Bewegen (Eurythmie) – bewegtes Bewusstsein (Anthroposophie).

Jahr für Jahr wurde dieser Weg deutlicher. Davon habe ich in der Herbstausgabe 3/14 des Auftakt berichtet (siehe: Die bewusste Wiederentdeckung des Rhythmus). Rudolf Steiner nannte ein solches gemeinsames Aufschliessen der Anthroposophie, das regelmässige Giessen, Aufkeimen und Entfalten der menschlichen Weisheit im Herzen eines jeden Teilnehmers den umgekehrten Kultus (Stuttgart, 1923). Denn jeder von uns ist einzigartig im Universum. Und wer nicht zu seinem höheren Ich den schöpferischen Zugang findet, kann seine ureigene, einzigartige Qualität der Welt nicht zur Verfügung stellen. Und diese Qualität fehlt ihr dann. Kein anderer Mensch kann sie ersetzen.

Das ist eine ernste Sache. Das kann das Herz zutiefst bewegen... Wir können Hebammen sein! Jeder kann seinem Bruder (denn auf der Ich Ebene sind wir ja alle Brüder, weil männlich – weiblich zugleich) dazu verhelfen aus dem Geiste heraus geboren zu werden. Und das ist eine kultische Tätigkeit. Sie ist heilig. Und sie sollte jedermann zugänglich sein, unabhängig von Kursen, Ausbildungen usw. Als eine Lebensgewohnheit die Menschen regelmässig verbindet, unabhängig von ihrer Berufswahl, Alter oder sozialer Herkunft.

In Köln, am 7. Juni 1909, sprach Rudolf Steiner darüber, dass dies nun in unserer Verantwortung liegt, ob wir dies gemeinsam tun oder nicht. Wenn wir es tun, ermöglichen wir dadurch die Anwesenheit der guten Mächte hier auf der Erde, ihre aktive Tätigkeit durch uns. So werden wir Friedens-Stifter.

Heute scheint mir dieses regelmässige, schöpferische Zusammenkommen dringlicher denn je. Denn, durch die intensive Verausgabung Millionen von Jugendlicher bei videogames, 24 Stunden lang, rund um den Erdball, ohne Unterbrechung, wird den Widersachermächten bereits ein grosses Handlungsfeld zur Verfügung gestellt. – Ich sah vor einiger Zeit einen Bericht über Computer-Spiel-Zentren in Asien, wo Jugendliche derart vom Spielen aufgesogen werden, dass sie vergessen zu essen und zu trinken und schliesslich tot vom Sessel fallen. – Die immer grösser werdende seelische und soziale Not auf der ganzen Erde zeigt immer deutlicher das ganze Ausmass dieser Situation!

Wo sind die Lichtkreise, welche den guten Mächten die Möglichkeit zum Handeln auf der Erde bereiten?

Da könnte die Eurythmie als soziales Ferment dienen. Es könnten weltweit Orte entstehen, welche den Menschen den lebendigen Zugang zur inneren Quelle, zur individuellen Herzens-Weisheit ermöglichen. Gerade dort, wo Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Kulturkreisen gemeinsam arbeiten möchten, scheint mir dieses innere, regelmässige, gemeinsame Training (“body & soul building”) not-wendig. Denn sehr schnell treten Missverständnisse auf, nicht nur durch verschiedene Sprachen, sondern besonders durch verschiedene Denk-, Fühl- und Handelsweisen.

Ich bin dreisprachig aufgewachsen (brasilianisch-portugiesisch, deutsch-österreichisch, dänisch) und habe dann in Salzburg in der Schule englisch gelernt. Meine Erfahrung, von Kind auf, hat mich gelehrt: für das angemessene soziale Verständnis und für gemeinsames Schaffen in einer Gruppe müssen wir erst das rechte Gehör entwickeln. Es ist nicht von Natur aus da! Es kann nur bewusst, aus freiem Entschluss gemeinsam entwickelt werden. Wenn wir in Frieden miteinander leben und uns weiter als Menschen entwickeln wollen, dann brauchen wir dieses neue Gehör! Wir Menschen der Gegenwart, wir brauchen das rechte Gehör, das Gehör für des Geistes Morgenruf, das Gehör für den Morgenruf des Michael!



*Rudof Steiner am 31. Mai 1908, in Hamburg:
“Sehr weit kann der Mensch in bezug auf diese Katharsis schon kommen, wenn er zum Beispiel alles das, was in meiner Philosophie der Freiheit steht, so innerlich durchgenommen und erlebt hat, dass er das Gefühl hat: Das Buch war für mich eine Anregung, aber ich kann jetzt die Gedanken genau so, wie sie dastehen, eigentlich selber reproduzieren. … Bei vielen anderen Büchern der Gegenwart ist es so, dass man im Grunde genommen, wenn man nur die Systematik ein bisschen anders gestaltet, das eine früher, das andere später sagen kann. Bei der Philosophie der Freiheit ist das nicht möglich. Da kann man ebensowenig die Seite 150 etwa 50 Seiten früher stellen in dem Inhalt, wie man bei einem Hund die Hinterbeine mit den Vorderbeinen auswechseln kann. Denn dieses Buch ist ein gegliedeter Organismus, und das Durcharbeiten der Gedanken dieses Buches bewirkt so etwas wie eine innere Trainierung. So gibt es verschiedene Methoden, um die Katharsis herbeizuführen. Der, der sie nicht herbeigeführt hat, wenn er dieses Buch durchgenommen hat, braucht nicht zu denken, dass es nicht richtig ist, was ich sage, sondern eher, dass er es nicht richtig oder nicht energisch und gründlich genug durchgearbeitet hat.”

**Rudolf Steiner am 12. Oktober 1923, im Pädagogischen Jugendkurs:
“Daher ist jene Stimmung in der Philosophie der Freiheit – die meisten entdecken sie gar nicht –, die überall an das künstlerische Element anschlägt. Die meisten Menschen bemerken das nicht, weil sie das Künstlerische im Trivialen, im Natürlichen suchen und nicht in der freien Betätigung. Erst aus dieser freien Betätigung aber kann man die Pädagogik als Kunst erleben, und der Lehrer kann dadurch zum pädagogischen Künstler werden, dass er sich in diese Stimmung hineinfindet. Dann wird in diesem unserem Zeitalter der Bewusstseinsseele der ganze Unterricht wirklich darauf angelegt, eine künstlerische Atmosphäre zwischen den geführten Menschen und den Führenden zu schaffen. Und innerhalb dieser künstlerischen Atmosphäre kann sich jenes Verhältnis des Geführten zum Führenden ausbilden, das ein Anlehnen, ein Hinneigen ist, weil man weiss: Der kann etwas, was er einem künstlerisch zeigen kann und was er kann – das fühlt man – möchte man auch können. - …”

 

 

 

 

Im Auftakt, Heft 3/2014
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):


 

Die bewusste Wiederentdeckung des Rhythmus
Südbrasilien - dreizehn Jahre Espaço Vivo - ein Lagebericht

 

 

Im April 2014 feierte der Espaço Vivo in Porto Alegre, Brasilien, sein dreizehnjähriges Bestehen. Nachdem bereits in den Heften Oktober 2007 und September 2008 unser Arbeitsansatz vorgestellt wurde, stellt sich nun die Frage: welche Erfahrungen haben wir gemacht in den letzten Jahren mit dieser Vorgehensweise? Das kann in aller Kürze beantwortet werden: der Zugang zum Herzen, zum lebendigen Erlebnis, geht über den Rhythmus, über die Wiederholung, über die treue, regelmässige Begegnung mit der menschlichen Weisheit (Anthropos Sophia).

Espaço Vivo heisst "Lebendiger Raum". In den Jahren seines Bestehens ist er zu einem Centro de Convivência Humanizada geworden, das heisst zu einem "Zentrum für menschliches Zusammenleben". Mitten in der Grossstadt Porto Alegre ist dieser Ort zu einer Oase, zu einer Insel des inneren Überlebens geworden. Häufig wird von StudentInnen geäussert, nachdem sie den infernalen Verkehr auf dem Wege hierher erlebt haben: "hier kann ich atmen, hier kann ich Mensch sein".

Nach kurzer Entspannung und nach einem Einstimmungsgespräch in der Gruppe, beginnt unsere gemeinsame Arbeit. Sie besteht aus 1. bewegtem Erlebnis des zu behandelnden Themas (Eurythmie), 2. Pause mit Gespräch und Imbiss, 3. Studium anthroposophischer Grundwerke (Textarbeit). Diese ist ganz einfach gehalten: von einer Woche zur nächsten werden rund fünfzehn Pagraphen des Werkes in Arbeit von jedem Teilnehmer (auch von mir jedes Jahr aufs Neue) in eigenen Worten zusammengefasst. Beim gemeinsamen Treffen liest jeder seine Zusammenfassungen vor, sodass bei einer Teilnehmerzahl von zum Beispiel sechs Menschen, sechsmal der erste Paragaph gehört wird, dann sechsmal der zweite, sechsmal der dritte usw.

Folgendes erleben wir dabei:
- durch die anfängliche Entspannung und das Einstimmungsgespräch findet sich die Gruppe jede Woche neu zum gemeinsamen Schritt in die gewählte Richtung;
- durch die gemeinsame Bewegung werden Leib, Seele und Geist harmonisiert und die Aufnahmefähigkeit für das Thema in Arbeit gesteigert. Die Seele öffnet sich und der Geist kann somit seine Weisheit in sie hineinträufeln;
- durch Pause und gemeinsames Essen wird die physisch-vitale Ebene liebevoll berücksichtigt;
- durch die Präsentation der individuellen Beiträge jedes Teilnehmers praktizieren wir
gemeinsam unsere Selbsterziehung:

• wir hören wie jeder einzelne denselben Inhalt auf seine individuelle Weise formuliert hat;

• wir nehmen wahr inwieweit ein jeder in der Lage war den Inhalt des Paragraphen objektiv zu erfassen oder inwieweit er unbewusst subjektives miteinfliessen hat lassen (die Aufgabestellung ist die reine, objektive Wiedergabe des Inhaltes);

• wir nehmen den Einzelnen wahr in seiner momentanen Lebenslage: wer hat es geschafft, ohne Stress, alle fünfzehn Paragraphen zu bewältigen. Wer hat alles gelesen aber diesmal nur fünf Paragraphen zusammenfassen können und so weiter. Niemand braucht sich für irgendetwas zu rechtfertigen.

So üben wir gemeinsam Selbstverantwortung und soziale Toleranz. Jeder ist aufgerufen seinen Mittelweg zu finden, immer neu von einer Woche zur nächsten. Wir nehmen wahr wer zur Übertreibung neigt: “ich muss unbedingt alle fünfzehn Paragraphen zusammenfassen” (ahrimanische Tendenz in Richtung Perfektion) oder “ich habe weder gelesen noch zusammengefasst” (luziferische Tendenz Richtung Verantwortungslosigkeit).

Nach Anhörung aller Beiträge bewegen wir das Thema im Gespräch. Jeder, der etwas beigetragen hat kann fragen, kann antworten. Alle sind gleich. So praktizieren wir Zusammenarbeit und Brüderlichkeit. Wir überwinden die Vergangenheit (gabrielisches Verhältnis: Student – Dozent) und erobern uns Schritt für Schritt die Gegenwart (michaelische Partnerschaft unter selbstverantwortlichen Mitstreitern). Wir entwickeln uns zu Zeitgenossen, treten in bewusste Beziehung zu unserem Zeitgeist.

Was daraus entsteht sind zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften. So wie Rudolf Steiner das im Februar 1923* formuliert hat, erleben wir, dass wir geistig-seelisch aneinander erwachen.

Mich persönlich erinnert diese Aktivität an gemeinsames Musizieren. (Die Engel werden meistens musizierend dargestellt…) Jeder hat zu Hause geübt, sein Instrument gestimmt und kommt nun zur wöchentlichen Probe. Durch diese bilden wir langsam einen gemeinsamen Ätherleib aus. Das Konzert sind dann die konkreten Lebenslagen im Alltag, wenn, zum Beispiel, eine neue Schulgründung ansteht. Da stehen dann Menschen mit neuen sozialen Fähigkeiten zur Verfügung. 2008 haben wir den Waldorfkindergarten Casa Ametista gegründet.


  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Photos: Casa Ametista, Gründungsagruppe 2010, beim Waldorfpädagogik Einführungskurs


Am Ende des Jahres (im Dezember) zeigen wir uns an einem Abend gegenseitig, was wir in diesem Jahr gearbeitet haben. Ich nenne dieses Zusammenkommen Encontro Festivo de Colheita, das heisst übersetzt: “Festliche Ernte-Begegnung”.

Das ist
• im ersten Jahr:
das Erlebnis der anthroposophischen Grundelemente durch Eurythmie sichtbar gemacht: Polarität und Mittelweg, Dreigliederung, Viergliederung, sieben Farben und sieben Chakren, Reinkarnation, Temperamente, Biographie, Vokale, Konsonanten, Elementarwesen.

• im zweiten Jahr:
das Erlebnis der vier Jahreszeiten auf der Südhemisphäre durch Eurythmie sichtbar gemacht. Gedichte von Olavo Bilac, Ruth Salles, Castro Alves (brasilanische Dichter).

• im dritten Jahr:
das Erlebnis der Polarität Nord – Südhemisphäre und die schöpferische Aktivität der vier Jahreszeiten Erzengel durch Eurythmie sichtbar gemacht. Gedichte von Olavo Bilac, eine Passage aus der Voluspa, Nietzsche, Juan Ramon Jimenez, Rudolf Steiner.

• im vierten Jahr:
der Bezug zum Kosmos durch das Verhältnis Erde, Tierkreis, Planeten im Jahreslauf, durch Eurythmie sichtbar gemacht. – Dieses Jahr wird gerade von mir neu konzipiert, da mir durch das Studium des Buches Werdegang der Menschheit (1953) von Günther Wachsmuth bewusst wurde, was es heisst, dass unser Frühlingspunkt zur Zeit in den Fischen steht und nicht im Widder, wie wir das seinerzeit in unserer Ausbildung bewegt haben. Dabei ist mir aufgefallen, dass im Lauteurythmiekurs ein Faksimile von Steiners Notizbuch (S.180) abgebildet ist, wo der Tierkreis in der gerade aktuellen Lage gezeichnet ist: Frühlingspunkt in den Fischen, Sommersonnenwende in den Zwillingen, Herbstpunkt in der Jungfrau und Wintersonnenwende im Schützen. Ein paar Seiten weiter (S.186) ist wieder die Stellung für das vierte nachatlantische Zeitalter abgebildet… Weiss jemand von Ihnen/Euch warum? Für Kontaktaufnahme zur Klärung dieses Themas wäre ich sehr dankbar!



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Photo: Encontro Festivo de Colheita, Dezember 2013, danach.
 

 

Mit der Zeit ist mir klar geworden, dass das, was wir hier im Espaço Vivo praktizieren von Rudolf Steiner der umgekehrte Kultus genannt worden ist (1923)*. Äusserlich ist unsere Kurs-Tätigkeit als Ausbildung zum Waldorflehrer “getarnt”. Warum? Weil das zur Zeit bei uns hier die grösste Not ist: wie kann der Erziehungskünstler innerlich erweckt werden?

Das Bedürfnis nach Waldorfpädagogik wird immer grösser. Die Dekadenz in den hiesigen Staatsschulen und auch Privatschulen ist unbeschreiblich. Doch in der Praxis sieht es so aus, dass konventionelle Lehrer drei bis vier ein-Wochen-Module eines berufsbegleitenden Waldorf-Pädagogik-Kurses besuchen und danach direkt in einer “Waldorfschule” in die Praxis gehen. Sie haben die Idee ansprechend gefunden und meinen, das sei bereits genug sie in die Tat umzusetzen. Das ist eine Charakteristik der brasilianischen Mentalität: kurz mal einen Wochenendkurs machen, zum Beispiel in Massagetechnik, und gleich danach als “Profi” eine Massagepraxis eröffnen und damit Geld verdienen…

In der Vergangenheit habe ich im Espaço Vivo auch das Eurythmie-Erlebnis separat angeboten, ohne Studium der anthroposophischen Grundwerke (Theosophie, Allgemeine Menschenkunde etc.) oder auch nur die Textarbeit ohne vorbereitendes Eurythmie-Erlebnis. Beides hat sich in der Praxis als unfruchtbar erwiesen. Durch das blosse Eurythmisieren haben die StudentInnen eine merkwürdige Abhängigkeit meiner Person gegenüber entwickelt (was ich als ausgesprochen unangenehm empfinde, weil völlig unpassend in Bezug auf das angestrebte Ziel unserer gemeinsamen Arbeit: Selbstverantwortung und Brüderlichkeit). Oder, durch die blosse Textarbeit war es nicht möglich das intellektuelle Kopfdenken - wenigstens ein bisschen - zum Leben zu erwecken.

Die Erfahrung hat gezeigt, der individuelle Zugang zur menschlichen Weisheit kann gefunden werden, durch die Verbindung: bewusste Bewegung - bewegtes Bewusstsein. Diese Verbindung muss jedoch regelmässig stattfinden. Der goldene Schlüssel zur Herzensweisheit ist hier der Rhythmus. Oder, in anderen Worten: Treue. Regelmässige Hingabe. Regelmässige Aktivität.

Ausser dem hier beschriebenen Kurs biete ich noch Kurse und Freundeskreise an über Themen wie Die Geschichte der Menscheit auf dem Planeten Erde, Soziale Dreigliederung und Selbstverwaltung, Einführung in die Waldorfpädagogik, Mit dem Herzen denken, Die Kunst des Liebens, Der Kreis der Feste im Jahreslauf etc.

Zu Michaeli 2013 haben wir mit der Herausgabe einer Zeitung begonnen: O Jornal da Sofia. In dieser berichten wir über sämtliche Aktivitäten in der Stadt die sich an der Anthroposophie orientieren. Ausserdem vermitteln wir den Kontakt zwischen Konsumenten und Produzenten von Bio-produkten und fair-trade.

Seit 2014 biete ich eine einjährige Fortbildung für ausgebildete EurythmistInnen an zum Thema: als freischaffender Eurythmieunternehmer in der Grossstadt. Wie baut man ein selbständiges Eurythmiestudio auf? Bei Interesse wende(n Sie sich) Dich an mich.**
Aus familiären Gründen bin ich nun mindestens einmal im Jahr in Salzburg, Österreich. Ich könnte bei dieser Gelegenheit eine Kostprobe meiner Arbeitsweise geben. Falls Sie /Dich das interessiert, wende(n Sie sich) Dich an mich.** Es liesse sich eine Begegnung oder ein kleiner Ferienkurs organisieren. Dieses Jahr bin ich von 12/07 bis 03/08 da, 2015 vorraussichtlich auch im Juli.

Abschliessend möchte ich noch sagen, dass ich für den Auftakt sehr dankbar bin. Durch seine Lektüre kann ich hier, weit von Europa entfernt, mitverfolgen, was die KollegInnen so machen. Das ist alles sehr interessant. Ich danke all denen, die den Auftakt möglich machen, von Herzen!

*Stuttgart, 27. und 28. Februar 1923.

 

 

 

Im Auftakt, Heft 3/2008
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):


 

 

7 Jahre ESPAÇO VIVO
— ein „Fitness-studio“ für Leib, Seele und Geist!

     „Fitness-studio“ – das klingt auch in meinen Ohren ziemlich merkwürdig für die Beschreibung eines Ortes, wo Menschen, in der brasilianischen Grossstadt Porto Alegre, regelmässig Eurythmie „trainieren“ können... Ich wähle diese Terminologie („malhar“ auf portugiesisch) aus „marketing-technischen“ Gründen, weil so die Menschen hier schnell verstehen, worum es bei meinem Angebot geht: regelmässig an sich arbeiten, trainieren und dadurch neue Fähigkeiten entwickeln. In einem konventionellen Fitness-studio kann man nur physisch trainieren, im ESPAÇO VIVO ausserdem auch seelisch und geistig. Das Ziel ist, die moderne Geisteswissenschaft Anthroposphie an sich selbst zu entdecken und regelmässig zu erleben, wodurch sich, mit der Zeit ganz natürlich, der Alltag harmonischer und lebendiger gestalten lässt. – Darüber wurde ja bereits im Oktober 2007 ein Bericht von mir im Auftakt veröffentlicht.

     Dieses Jahr, im April, feierte nun der ESPAÇO VIVO (= Lebendiger Raum) sein siebenjähriges Bestehen mit einem schönen Fest, bei dem wir gemeinsam Bossa Nova und Samba gesungen und getanzt haben – alles live, mit lebendiger Gitarren- und Percussionbegleitung. (Leider gibt es keine Fotos – wir waren alle zu sehr mit Feiern beschäftigt...). Der Raum füllte sich mit Musik und Lebensfreude – genau das Richtige zum Start in das neue Lebensjahrsiebt!

     Dieses manifestiert sich auch schon in seinem merkurialen Charakter. Während die ersten sieben Jahre mondengemäss der Ausbildung eigener Substanz dienten, bin ich nun seit März einmal im Monat auf Reisen, nach Florianópolis, wo ich den Einjahres-Kurs „Quem Somos Nós?“ in Wochenend-Modulen im ESPAÇO ATENÁ anbiete. Für das Jahr 2009 liegt auch schon eine Anfrage aus Curitiba vor. (Porto Alegre, Florianópolis und Curitiba sind die Hauptstädte der drei südlichen Bundesstaaten von Brasilien: Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná, die drei zusammen in etwa so gross wie Deutschland, mit je einem Eurythmisten pro Bundesstaat(!) Nördlich von Paraná liegt dann bereits der Staat São Paulo, wo es viele EurythmistInnen gibt).

     Während dieser Impuls, Anthroposophie regelmässig durch Eurythmie zu erleben, nun auszustrahlen beginnt, festigt er sich gleichzeitig. Angeregt ist er ja durch die Sätze Rudolf Steiners im Vorwort der Theosophie: „Seine (des Buches) Wahrheiten müssen erlebt werden. Geisteswissenschaft hat nur in diesem Sinne einen Wert.“ Schon Ende 2007 wurde deutlich, dass es bei diesem Angebot eigentlich um einen vier-jährigen Kurs geht. Ich nenne ihn „CURSO DE TRANSFORMAÇÃO“ (= Umwandlungskurs), da er sich an alle diejenigen richtet, die ihren Umgang mit der Anthroposophie vertiefen und verlebendigen möchten. Die Folge davon ist ja (nach Steiners Worten) eine Umwandlung der Seele. Was hier in Brasilien (vom Verein Anthroposphischer Ärzte, ABMA) als Anthroposphie-Grundkurs angeboten wird (für Ärzte, Therapeuten und zukünftige Waldorflehrer) ist doch leider recht kopflastig. Wenn es künstlerische Arbeit gibt, so eher als „Garnierung des Hauptgerichts“ und nicht als Ferment im Sauerteig. Dies ist ein Jammer, da ja die brasilianische Volksseele äusserst lebendig ist und ein künstlerisches Wesen einem jeden Brasilianer sozusagen im Blut liegt. Doch der grosse Respekt vor allem, was aus Europa kommt, bringt es mit sich, dass ein Brasilianer in der Lage ist sein eigenes Wesen zu verleugnen und Kopflastigkeit sozusagen als Maske aufzusetzen... Das ist noch schlimmer als echte Kopflastigkeit! Doch wahrscheinlich ist ein „verkopft akademischer Zugang“ erst einmal erforderlich um das akademisch gebildete Publikum nicht abzuschrecken... Für diejenigen aber, die merken, dass ein lebendiges „Training“ im Umgang mit Anthroposophie zur konkreten Inspirationsquelle für Beruf und Alltag werden kann, ist der Anthroposophie-Umwaldlungskurs gedacht, zur Vertiefung und Verlebendigung der zunächst abstrakt kennengelernten Inhalte.

Jedes Jahr hat ein Motto:
1.Jahr: „Quem Somos Nós?“ *
    · EURYTHMIE – die Grundbegriffe der Anthroposophischen Geistes-wissenschaft durch Bewegung erleben.
    MOTTO – Ich stelle eine bewusste Beziehung her: zu mir, als physisch, seelisch, geistigem Wesen.
· STUDIENGRUPPE – Theosophie von Rudolf Steiner, als Ergänzung zur Eurythmie. (Es wird methodisch gearbeitet: Textvorbereitung zu Hause; in der Gruppe: schriftliche Wiedergabe des Inhaltes in eigenen Worten; danach Fragen und Antworten zum Text).

2.Jahr:
    · EURYTHMIE – sich wieder verbinden mit den Rhythmen der Natur. Das Erlebnis der vier Jahreszeiten in unserer Region (Südhemisphäre).
    MOTTO – Ich stelle eine bewusste Beziehung her: zur Natur.
· STUDIENGRUPPE – 1.Semester: Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft; Geisteswissenschaft und Soziale Frage. 2.Semester: Allgemeine Menschenkunde.

3.Jahr:
    · EURYTHMIE – die Rhythmen des Planeten Erde erleben. Die Polarität zwischen Nord- und Südhemisphäre und die vier Jahresfeste.
    MOTTO – Ich stelle eine bewusste Beziehung her: zum Planeten Erde.

4.Jahr:
    · EURYTHMIE – die kosmische Komposition des Menschen. Tierkreis- und Planetenkräfte und ihr Wirken in der Natur und im Menschen.
    MOTTO – Ich stelle eine bewusste Beziehung her: zu den Sternen.

     Das (jetzt) dritte Jahr habe ich schon zweimal als zweites Jahr gegeben (siehe Auftakt-Bericht, Oktober 2007) und festgestellt, dass es so zu schwer zugänglich war (es baut ja auf R.Steiners Jahreszeitenimaginationen auf). Es wurde deutlich, dass dieses Thema in seinem polaren Charakter in Wirklichkeit ein drittes Jahr ist, welches zuvor ein ganz dynamisches, künstlerisches zweites Jahr verlangt. In diesem haben die SchülerInnen nun die Möglichkeit durch die landeseigene, brasilianische Poesie in das Erlebnis der hiesigen Jahreszeiten (Sommersonnenwende im Dezember, Wintersonnenwende im Juni) erst einmal einzutauchen. Darauf aufbauend kann dann später die Beziehung zur Polarität im Norden hergestellt werden. Im Werk des Dichters Olavo Bilac (1865 – 1918) habe ich wunderbare Sonette zu diesem Zweck gefunden. Die Arbeit mit diesen macht gerade grosse Freude!

     Ab dem dritten Jahr biete ich keine Studiengruppe mehr an als Ergänzung zur Eurythmie. Wem das methodische Arbeiten gefallen hat, kann nun seine eigene Studiengruppe bilden und ich verbleibe mit den Gruppen des ersten und zweiten Jahres. Dadurch studiere ich nun schon regelmässig „alle Jahre wieder“ die oben angeführten Grundwerke. Dieses rhythmische Studium kann ich nur weiterempfehlen. Die Anthroposophie wächst in der Seele wie eine Pflanze! Bei regelmässigem Giessen erblühen im richtigen Moment die Knospen und selbst schwierige Inhalte schliessen sich organisch auf. – Es wird überliefert, dass ein Zeitgenosse einmal auf Rudolf Steiner zuging und fragte: „Herr Doktor, was empfehlen Sie: eines Ihrer Bücher viele Male lesen oder viele Ihrer Bücher einmal lesen?“ Worauf der Doktor antwortete: „Ersteres“.

     Es ist möglich im ESPAÇO VIVO zu hospitieren. Wer diese Art mit Eurythmie und Anthroposophie umzugehen kennenlernen möchte, ist herzlich willkommen. Zum Beispiel, gleich nach dem Diplomabschluss ein Jahr nach Brasilien, portugiesisch lernen und sich vom „eurythmischen Workout“ inspirieren lassen...

 

* Ausführliche Beschreibung der Module siehe Auftakt-Bericht im Oktoberheft 2007

 

 

 

Im Auftakt, Heft 3/2007
(Zeitschrift des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland):

 

 

„Eurythmie im Alltag“
oder:
„ Der eurythmische WORKOUT”
Ein Bericht aus Südbrasilien, von Margrethe Skou Larsen


 

     „Workout“ oder „bodybuilding“ ist heute sehr populär im modernen Grossstadtleben. Menschen sind bereit in einen schönen Körper zu investieren, sich regelmässig dafür anzustrengen, wenn es auch dabei, in unserem materialistischen Zeitalter, nur um den physischen Leib geht. Das Gute daran ist, finde ich, dass die Bereitschaft besteht, sich in dieser Absicht regelmässig zu bewegen, wenn auch erstmal nur physisch-mechanisch.

     So dachte ich, vielleicht entsteht eines Tages Interesse daran auch in eine schöne Seele zu investieren und in einen schönen Geist? Vielleicht entsteht bei einigen das Bedürfnis bei ihrem „workout“ weniger mechanische und mehr lebendige Bewegungen auszuführen? Vielleicht tut sich hier eine Marktlücke auf? Vielleicht gibt es Menschen, die mit ihrer Lebensqualität so wie sie jetzt ist, trotz Hitech, nicht zufrieden sind und mehr wollen? Menschen die selber, durch eigene Bewegung rausfinden wollen, was Seele überhaupt ist, was Geist ist? Wie unterscheiden sich beide voneinander? Wann erlebe ich Seele im Alltag, wann Geist? Wie ist ihr Bezug zu meinem Körper? Wenn ich das regelmässig konkret erlebe und meine Lebensführung darauf einstelle, bessert sich dadurch meine Lebensqualität? Kann ich dadurch ein besserer Rechtsanwalt werden, eine bessere Chemikerin, Psychologin, Hausfrau oder ein besserer Vater?

     Diese Gedanken haben mich dazu bewegt vor einigen Jahren in Porto Alegre (1.5 Mio. Einwohner) den Espaço Vivo (Lebendiger Raum) zu eröffnen, ein „Fittnessstudio“ für Leib, Seele und Geist, zur Stärkung und Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen. Er befindet sich in einem kleinen, verglasten Hochhaus im Stadtzentrum. Ausser mir arbeiten in diesem Gebäude Zahnärzte, Psychologen, Rechtsanwälte, Graphiker usw., und gleich neben dem Eingang befindet sich ein Friseur; dieser ist mein direkter Nachbar.

     Ich annonciere in einer Wellness-Zeitung. Die Menschen, die zu mir kommen, kennen Anthroposophie meistens nicht, oder sie haben sie irgendwann eher theoretisch kennengelernt. Sie sind auf der Suche nach einer besseren Lebensqualität, fühlen, dass regelmässige Bewegung wichtig ist für das allgemeine Wohlbefinden, wollen sich jedoch nicht nur mechanisch bewegen. Etwas scheint ihnen da zu fehlen... Oft leiden diese Menschen an Depressionen, Panik-Syndrom oder sind auf der Suche nach Wegen ihre innere Leere auszufüllen. Durchgehend sind sie alle auf die eine oder andere Weise gestresst.

     Im Espaço Vivo können sie ein-, zwei- oder dreimal in der Woche Eurythmie machen, wobei an allen angebotenen Terminen (morgens, nachmittags und abends) in derselben Woche dasselbe Thema bearbeitet wird. Dieses System bietet Flexibilität, sodass eine versäumte Stunde in derselben Woche noch nachgeholt werden kann. Das ist in Brasilien unbedingt nötig, weil die Menschen hier sehr spontan sind in ihrer Lebensführung...

     Im ersten Modul (4Wochen) arbeite ich erst einmal daran, die Ursachen des Stress durch Bewegungserlebnisse ans Tageslicht zu bringen. „Anthroposophisch gesagt“ geht es darum ahrimanische und luziferische Tendenzen im Alltag zu erkennen und herauszufinden wie ich mit diesen Tendenzen schöpferisch umgehen kann, wie ich sie zu meinem eigenen Vorteil gebrauchen kann. Der goldene Schlüssel zum Wohlbefinden taucht auf: Rhythmus, harmonischer Rhythmus: Eurythmie.

     Im zweiten Modul (4 Wochen) gehen wir das gleiche Thema von einer anderen Seite an. Durch Bewegungserlebnisse wird der Gegensatz zwischen A-rhythmie und Eu-rythmie deutlich. Unbewusste Verhaltensweisen des modernen Menschen werden bewusst gemacht und ein schöpferischer Weg zur besseren Lebensqualität des post-modernen Menschen aufgezeigt. Er lernt die Eurythmie im Alltag anzuwenden. Eurhythmie wird zum Lebenstil. Nun rege ich meine Schüler dazu an ihren Leib als Instrument für den Ausdruck zu verwenden. Durch die so bewusst gemachte Körpersprache wird das Phänomen: Denken-Fühlen-Wollen deutlich. Wie verwende ich mein Instrument, wenn ich denke, wenn ich fühle, wenn ich handle? Wir bewegen und betrachten, amüsieren uns und staunen. So wird deutlich, was immer schon da war, doch nie bemerkt wurde: Leib, Seele und Geist und wie sie sich im Alltag äussern. Jeder versteht diese Sprache, Nationen übergreifend, und doch wurde nicht bemerkt inwiefern es sich dabei um Leib, Seele und Geist handelt. Und jetzt, wo ich erlebt habe inwiefern diese drei Elemente mein Leben bestimmen, wie kann ich sie harmonisieren? Eine Möglichkeit bietet das meditative Schreiten: ich lerne im Jetzt zu leben, ich erlebe innere Ruhe als Ausgangspunkt für jede Tat.

     Im dritten Modul (8 Wochen) „spielen wir ernsthaft“ mit den Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Sie weisen uns den Weg zum Erlebnis: physischer Leib, Lebensleib, Astralleib, Ich-Leib. Ich erlebe, durch die Bewegung, dass ich Energie bin, Aktivität, ein Lichtwesen, das die Materie durchdringt. In meinen Hüllen verdichtet sich die Energie „nach unten“, verfeinert sich „nach oben“. ICH BIN ein Vermittler zwischen Himmel und Erde, ein Gotteskind, zwischen Mutter-Erde, Yin, und himmlischem Vater, Yang. In der ewigen Begegnung beider, als Folge ihres gemeinsamen Tanzes, entstehen die Lebewesen auf dem Planeten Erde, auch der Mensch.

     Im vierten Modul (4 Wochen) vertiefen wir das Erlebnis des Rhythmus: Atmung / Tag - Nacht / Erdenmensch - Sphärenmensch. Ich erlebe: der Tod ist eine Illusion. In Wirklichkeit verwandelt sich das Leben fortwährend und der Tod ist nur „der Kunstgriff der Natur mehr Leben zu haben“. Schritt für Schritt schält sich dieses Bewusstsein aus den Bewegungserlebnissen heraus. Die Menschen erinnern sich... Durch die Bewegung der Farben des Regenbogens wird nun das Erlebnis innen – aussen vertieft. Dies führt zum Erlebnis der sieben Chakren. Sieben „Register“ habe ich im Erdenleben zur Verfügung, die ich je nach Lebenslage einsetzen kann.

     So geht das erste Semester (März bis Juli) zu Ende. Die Menschen berichten, dass der Alltag bereits ein wenig angenehmer geworden ist, das Leben interessanter. Zwei Wochen Ferien und das zweite Semester (August bis Dezember) beginnt.

     Das Erlebnis der Farben führt im fünften Modul (8 Wochen) zum Bewegungserlebnis vier charakteristischer Typen, je nach der spezifischen Komposition der vier Leiber: die vier Temperamente. Nun betrachten wir auch bildende Kunst, die grossen Meister und wie sie die Farben anwenden.

     Im sechsten Modul (4 Wochen) untersuchen wir durch die Bewegung die menschliche Biographie und wie die vier Temperamente in bestimmten Phasen als Grundtendenz auftreten. Hier hören wir auch musikalische Werke und das Erlebnis wird von dieser Seite her vertieft.

     Im siebten Modul (4 Wochen) gehen wir vom Erlebnis der Biographie des einzelnen Menschen zum Erlebnis der Biographie der Menschheit über. Nun tauchen die Vokale auf in der Art, wie sich der Mensch der Welt gegenüberstellt, in jeder Entwicklungsphase anders.

     Und schliesslich, im achten Modul (4 Wochen), gehen wir an die Schöpferkraft des Universums, wenn sich aus der Bewegung die Konsonanten herauskristallisieren und zu vier Familien gruppieren. Aus diesen Kräften gestaltet sich die Welt. Wesen wirken in ihnen, unter anderem auch die Elementarwesen. Wo wirken sie in der Natur, wo wirken sie im Haus, in der Stadt, in meinem Leben? Die Welt bevölkert sich mit neuen, zunächst noch unsichtbaren, aber schon einmal anfänglich erlebbaren Mitbewohnern unseres Planeten. So kann Interesse entstehen und auch ein Verantwortungsgefühl für diese Mitbewohner.

     Wer diesen Prozess das ganze Jahr hindurch regelmässig mitmachen konnte, hat eine Möglichkeit bekommen zu einer neuen Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt: Ausgangspunkt für eine bewusstere, ruhigere Lebensführung und somit für eine bessere Lebensqualität.

     Hier in Brasilien nenne ich diesen einjährigen Grundkurs: „Wer sind wir?“, in Anlehnung an den brasilianischen Titel des Filmes über Quantenphysik: „What the bleep do we know?“. Dieser hat hier 2006 grosses Interesse erregt besonders dadurch, dass er aufzeigt, wie jeder Mensch seine Lebensrealität selber erschafft, in der Sequenz: Denken-Fühlen-Handeln.
Als Inspirationsquelle dienen mir Rudolf Steiners Grundwerke, vor allem: Theosophie und Allgemeine Menschenkunde, und die Anregungen der Bücher: Der Lebenslauf des Menschen (O’Neil) und: Das Erwecken des Herzdenkens (Lowndes). Auch die Bücher: Hands of Light, von Barbara Brennan, und: The Pathwork of Selftransformation, von Eva Pierrakos sind für mich Wegweiser; ausserdem das Leben selber und jeder Künstler, dem ich bisher begegnet bin.

     Wer Freude an den Entdeckungen des Grundkurses hatte, kann dann im zweiten Jahr weitermachen. Es ist dem Miterleben der Rhythmen unseres Planeten gewidmet, durch das Erlebnis der vier Jahreszeiten und der damit verbundenen Jahresfeste. Hier, auf der Südhalbkugel, feiern wir ja auch im Dezember Weihnachten, obwohl in der Natur bei uns dann Hochsommer (Johanni) ist, und im Juni feiern wir Johanni, während in der Natur bei uns dann Tiefwinter (Weihnachten) ist. So haben wir hier immer das Erlebnis der Polarität Nord/Süd gleichzeitig. Die jeweiligen Erzengel wirken von oben und von unten, wie ja auch im Norden, doch feiern wir hier immer das Fest, welches von unten impulsiert wird, während gleichzeitig, im Naturgeschehen, die Aktivität des Erzengels von oben erlebbar ist - im Gegensatz zur Nordhemisphäre, wo das Fest gefeiert wird, welches von oben impulsiert wird und dieses dadurch mit dem Naturprozess zusammenklingt. Dadurch haben natürlich die Jahresfeste bei uns einen anderen Charakter. Dies bewusst zu erleben ist sehr spannend. Grundlage für diesen Kurs sind Rudolf Steiners Jahreszeitenimaginationen.

     Den Grundkurs „Eurythmie im Alltag“ („Wer sind wir?“) biete ich auch als Wochenendkurs in monatlichem Rhythmus an (ein Modul pro Wochenende), für Menschen, die extra dafür nach Porto Alegre kommen. Es ist auch möglich ihn als Ferienkurs zu erleben, acht ganze Tage sind dazu nötig (ein Modul pro Tag). Ich biete ihn auf portugiesisch, deutsch oder englisch an.

Falls Sie Interesse haben, und gerne in Ihrer Schule, Institution oder in Ihrem Freundeskreis diesen Kurs als Ferienkurs erleben möchten, wenden Sie sich an mich, via espaco.vivo@euritmiaviva.com Verwenden Sie bitte das Stichwort: „Eurythmie im Alltag“. In den Monaten Januar und Februar habe ich Sommerferien und somit freie Zeit zum Reisen. Mehr über den Espaço Vivo finden Sie im internet: www.euritmiaviva.com.

Seit ungefähr zweitausend Jahren leben wir in der Offenbarung (1). Was innen ist wird immer mehr aussen sichtbar.

Was ist jetzt, in diesem Zusammenhang, wichtig? Die sieben Sterne bzw. Geister Gottes kennenlernen (2). In anderen Worten, erleben: was heisst es Mensch zu sein? (3). Denn nur so kann ich planen, was ich tun will, dieses Mal hier auf der Erde und die kommenden Male.

Im ersten Jahr sind wir ganz mit diesem Thema beschäftigt. (Der deutsche Prospekt dazu kann auf unserer homepage gelesen werden, siehe unten). Am Ende des Jahres ist dann deutlich geworden: Mensch kann ich nicht sein. Mensch kann ich nur werden. Die nächste Frage, die dann natürlich aufkommt, ist die: wie mache ich das?

Interesse entwickeln für den Nächsten! – Wer ist der Nächste? – Die Mitmenschen! – Nur? Was ist mit Tieren, Pflanzen, Steinen; Erde, Wasser, Luft und Feuer u.s.w.? Im ersten Jahr haben wir sie in uns erlebt, haben erlebt wie unser Wahrnehmungs– und Ausdrucksinstrument hier auf der Erde von ihnen aufgebaut wird, in fortwährendem Umwandlungsprozess zwischen Licht und Finsternis, Yang und Yin, Geist und Materie, Idee und Material. – Schau in dich.

Im zweiten Jahr orientiert sich der Blick dann nach aussen: schau um dich. Wie sprechen diese Elemente zu mir? Jeden Tag neu und anders verbinden sie sich und weben die Natur, die mich ganz anders umhüllt in den gewaltigen sulfurischen Feuerprozessen im Sommer, in der ordnenden Salzkristallisation im Winter (4). Im Sommer kann ich kaum bestehen als Mensch, werde fast ohnmächtig in der grandiosen Offenbarung der Natur. Besser ist es da sich hinzugeben… Im Winter, wenn die Natur in ihrem Tanz mit mir einen Schritt in den Hintergrund tut, sich in sich selbst zurückzieht, gibt sie mir “taktvoll” die Gelegenheit mich selbst zu offenbaren indem ich mich erkenne: “Ja! Ich weiss, woher ich stamme! Ungesättigt gleich der Flamme glühe und verzehr ich mich.” (5)

Nach der Sonnenwende, wenn die Wärme immer mehr zunimmt, nimmt das Licht bereits ab. So auch im Winter nach der Sonnenwende, wenn die Wärme immer mehr abnimmt, nimmt das Licht bereits zu. Und zwischen diesen beiden so wunderbar ausgeglichenen Extremen, die in sich extremen Übergänge: Herbst, wo es kälter und dunkler wird und Frühling, wo es wärmer und heller wird. Eine geniale Mischung! Es wird nicht übertrieben sondern ausgeglichen im grossen Zusammenhang des Jahreslaufes.

Was tun wir da bloss mit der Sommerzeit?! Wie eine grosse Schere schneidet sie den Übergang ab. Und wir fallen im Herbst abrupt in die Dunkelheit und werden im Frühling ebenso plötzlich ins Licht katapultiert. Arme Mutter Erde! Breakdance statt Dreivierteltakt – das erleichtert gewiss nicht das harmonische Miteinander…

Im dritten Jahr kam eine Studentin 2018 mit der Bitte: “diese beiden Gegensätze, Licht und Finsternis, Wärme und Kälte, in ihrer Übertreibung, Lucifer und Ahriman, wie erkenne ich sie ganz konkret im Alltag? Wann handeln sie durch mich, das heisst, wann benutzen sie mich als Werkzeug für ihre Zwecke? Und wann handle I.CH.? Können wir das gemeinsam, durch bewusste Bewegung und bewegtes Bewusstsein, untersuchen, herausfinden?” – Was an Beziehung aussen beobachtet wurde hat sich also wieder nach innen gewendet: schau in dich. Das Erlebnis des Jahreslaufes hat sich nach innen vertieft.

“Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.” – Wann liebe ich denn mich selbst? Wir haben erlebt, dass das etwas mit Gegenwart zu tun hat und auch mit Beziehung zwischen oben und unten, zwischen Apollon und Dionysos.

Beim Säugetier: Leichte unten (die Ferse berührt den Boden nicht) und Schwere oben (der Brustkorb fällt). Wenn ich diese “Lebenslage” nachahme, merke ich schnell, dass damit der Fall in die Schwere unausweichlich ist und auch das Mitgerissenwerden durch die Umstände (6). Diese Position (Verteilung der Kräfte) bringt mich in die Horizontale, in das Nebeneinander, in das Reich des Entweder-oder. Es entsteht Selbstverkapselung. Ich gerate in die Falle der exklusiven Subjektivität. “I fall in love” (7).

Beim Menschen: Leichte oben und Schwere unten. In dieser Haltung kann ich, wenn ich will, in mir einen Dialog beider Kräfte fühlen. Ich komme in die Vertikale, in das Reich des Sowohl-als auch. Ich wachse nach oben in die Objektivität und fühle gleichzeitig nach unten in die Tiefe. Die Beziehung zwischen den Gegensätzen entsteht in mir. Gleichzeitig schaue ich in den Umkreis, ich interessiere mich (inter-esse [lat.] = ich bin dazwischen anwesend). Ich merke auf. Liebe kann entstehen, wachsen und ausstrahlen. Diese Aufrechte – diese Aufrichtigkeit (wunderbare deutsche Sprache!) – führt mich auch in die Gleichzeitigkeit: alles zusammen auf einmal, alles in eins, hier und jetzt.

Das Schreiten hat uns das gezeigt: zwischen Vergangenheit und Zukunft das Jetzt erleben (8). Zwischen leidenschaftlichem Impuls und ausgeformter Tat: denken – im Fluss… (9). Wirklich im Jetzt leben, aus echter Geistesgegenwart heraus, aus echtem Selbstbewusstsein, haben wir erlebt, können wir zur Zeit nur ganz kurz. Gleich fallen wir wieder zurück in die Extreme... (10).

Es ist ja gar nicht angenehm sich das einzugestehen. Doch andererseits ist es schon möglich so ehrlich zu sein, sobald sich nur der Weg auftut – zum erleuchteten Weihnachtsbaum! (11)

Angeregt durch das kleine Selfing-Büchlein von Sylvia Weyand und Florin Lowndes (12) und durch das Bewegen des Gedichtes Nocturno von Juan Ramon Jimenez haben wir einiges entdeckt über Beziehung, zu mir selbst und zu meinem Nächsten. Auf dem Wege das Lieben zu lernen macht der Jahreslauf für uns sichtbar: die Kunst des Überganges.

So haben wir das Jahr hindurch mit offenen Augen und Ohren, und auch mit den anderen zehn Sinnen, um uns herum geschaut und in uns hineingeschaut und so unsere Seele wie Maria, die im Buche Natura liest, auf die dreizehn heiligen Nächte vorbereitet. Was strömt dann aus den Himmeln in so ein geöffnetes Herz!

Das neue vierte Jahr ist noch nicht geboren, noch gehen wir mit ihm schwanger. Ein neues Schau in dich, durchdrungen von einem neuen Schau um dich, kündigt sich an: das Erlebnis des kosmischen Menschen im Alltag. Langsam aber sicher bewegen wir uns dahin.

 

1. Markusevangelium 13:30. Lukasevangelium 21:32.

2. Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes, 4.Vortrag, 21. Juni 1908 in Nürnberg: “Heute vereinigen Sie das, was die sieben Geister Gottes geben und die sieben Sterne, mit dem Leben Ihrer Seele. Sie tragen es nach Hause. In Ihren Antlitzen wird niemand es heute lesen… aber nach jenem grossen Krieg aller gegen alle wird es herauskommen … an Ihrer Stirne wird es Ihnen geschrieben sein, was Sie sich jetzt erarbeitet haben, was jetzt Ihre Gedanken und Gefühle sind.”

3. Rudolf Steiner, Theosophie: Das Wesen des Menschen.

4. Rudolf Steiner, Oktober 1923: Die vier Jahreszeiten und die Erzengel

5. Friedrich Nietzsche: Ecce homo.

6. Hermann Poppelbaum, Tierwesenskunde: “…die Affen. Sie sind nicht Eigenwesen wie der Mensch, sondern scheinen es nur. Sie handeln nicht aus sich selbst, sondern nur gruppenhaft. Sie tragen das Haupt nicht frei, sondern gebückt. Sie schreiten nicht, sondern humpeln mit einknickenden Knien. Die Brust ist nicht frei gewölbt, sondern vom Schwergewicht übermannt.”

7. Wenn das Leben zur “Astralfalle” wird... Zu diesem Thema möchte ich auf ein interessantes Buch hinweisen. Es ist nicht aus der modernen Geisteswissenschaft heraus geschrieben, denn sein Autor, Hans-Joachim Maaz, ist Psychoanalytiker und Psychiater. Deshalb war ich sehr beeindruckt über die genaue Beobachtung und Beschreibung luziferischer und ahrimanischer Tendenzen in der Seele, ohne dass diese Terminologie benutzt wird. Das Buch heisst: Das falsche Leben – Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. S.59: “Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass das “falsche Selbst” ein Ersatzleben führt, zu dem es gezwungen oder verführt worden ist. Doch das echtere Leben ist nicht tot – sonst wäre man tot –, es ist nur unterdrückt, nicht entfaltet, mit Angst besetzt, moralisierend abgewertet. Trotzdem drängt es immer irgendwie ans Licht, in die Lebendigkeit. Davon leben wir Psychotherapeuten: die Signale des authentischeren Lebens zu verstehen und die seelische Wahrheit auffinden zu helfen.”

8. Eckhart Tolle, Practicing the Power of Now.

9. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: “Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste”. Zitiert von Rudolf Steiner in Die Philosophie der Freiheit, erstes Kapitel, siebzehnter Absatz.

10. Hermann Poppelbaum, Tierwesenskunde: “Man kann vermuten, dass überall, wo Astralisches auftritt, Einschläge von der Vergangenheit und von der Zukunft her unabweichbar wirken, ja dass das Astralische ein Gebiet ist, für welches Vergangenheit und Zukunft gar nicht wesenhaft verschieden sind. Erst in der Sphäre des Menschen ist der Bann einer untilgbaren Vergangenheit und einer unabweisbaren Zukunft gebrochen. Erst dem Menschen ist die Gegenwart wirklich offen.”

11. Gegenwart und Geschenk sind ähnliche Worte auf deutsch. Auf portugiesisch sind sie identisch: estar no presente = in der Gegenwart sein; presente = Geschenk. So auch im Englischen.

12. HEARTTHINK SELFING Das Erste Hilfe Ritual, siehe auf: www.heartthink.com im AURA-ATELIER: HT Selfing

Margrethe Skou Larsen
www.euritmiaviva.com
Kontakt: espaco.vivo@euritmiaviva.com

 

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